Früchte vom Baum der Erkenntnis

Gedanken zum Bibelkalender der evangelischen Jugend in Katzwang
 

Eine sehr direkte Botschaft In der ersten Dezemberwoche 2005 rauschte es im Blätterwald -- die Presse hatte einen Skandal entdeckt. Einen Bibelkalender mit Aktfotos! Viele Blätter von der Bildzeitung bis zur Süddeutschen schrieben darüber und brachten die "politisch korrekte" moralische Entrüstung zum Ausdruck. Immerhin wurde den Initiatoren auch die Möglichkeit gegeben, ihr Projekt zu verteidigen. Zum Stand Ende Dez. 2005 fanden sich in Google-News Dutzende von Nachrichten in verschiedenen Presseportalen. Alles in allem war die Resonanz der Medien überwiegend negativ mit dem Unterton: "Es gehört sich einfach nicht, die Gefühle der Gläubigen zu verletzen!"

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Ausschnitt aus dem Titelfoto von Stefan Wiest
(mit Genehmigung des Fotografen)

In vielen dieser Nachrichten wurde das Titelfoto des Kalenders gezeigt. Zweifelsohne ist eine nackte Frau im Kirchenraum ein provokantes Titelmotiv, das auch Widerspruch hervorruft. Doch diese Aktinstallation stellt nicht die Reize des Modells in den Vordergrund -- Haarpracht und Feigenblatt verhüllen, was an diesem Ort nicht gezeigt werden soll. Die Aufmerksamkeit soll auf etwas anderes gelenkt werden. Eva will mit dem "Apfel vom Baum der Erkenntnis" Besucher in den Kirchenraum locken. Und auf den Kirchenbänken liegen weitere Äpfel. Jeder kann einen haben, jeder kann aus Bibel und Religion Erkenntnis gewinnen. Ein verlockendes Angebot, doch offenbar hat keiner der Kritiker dieses Bild überhaupt verstanden.

 

Das verlorene Paradies Was wäre gewesen, wenn die Menschen nie vom Baum der Erkenntnis gegessen hätten? So wie unsere nächsten Verwandten im Tierreich, die Zwergschimpansen (Bonobos), wären wir auf deren paradiesischer Daseinsstufe stehengeblieben. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie leben friedlich zusammen. Viel Zeit verbringen sie mit variantenreichen Liebesspielen und wechselnden Partnern. Dies stärkt die Gemeinschaft und erleichtert ein aggressionsfreies Zusammenleben.

 

Die gewonnene Kultur Doch wir Menschen sind einen anderen Weg gegangen. Wir haben vom Baum der Erkenntnis gegessen, wir wollten Gott ähnlich werden, uns ihm annähern. Mit der Entwicklung unserer Kultur stellten wir uns immer anspruchsvollere Aufgaben, mussten aber auch harte Konflikte durchstehen. Hierbei entwickelten sich auch Regeln für die Sexualität, die nicht alles menschliche Handeln beherrschen kann und deshalb einen sinnvollen Rahmen braucht. Die Sittengesetze können aber nicht starr sein, sondern müssen sich mit jeder Veränderung der Lebensbedingungen weiterentwickeln. Sie befinden sich in einem stetigen Wandlungsprozess, der auch ein wichtiges Thema der Bibel ist.

Um im Widerstreit gegensätzlicher Prinzipien von Natur und Zivilisation das Gleichgewicht zu halten, brauchen wir die Früchte vom Baum der Erkenntnis. Es war sehr freundlich von der Eva des Katzwanger Bibelkalenders, jedem von uns einen Apfel auf die Kirchenbank zu legen! Denn Bibel und Religion können uns wertvolle Anregungen für den rechten Weg zu kulturellem und sittlichem Fortschritt geben.

 

Kultur braucht Freiheit Auf der Suche nach Erkenntnis darf man Ungewöhnliches wagen und Dinge versuchen, die es in dieser Form noch nicht gab. So darf man auch die Ausdruckskraft des nackten Körpers als Gestaltungsmittel nutzen, auch wenn dies umstritten ist. Es ist und bleibt das Recht der Jugend, neue Freiräume zu erproben. Wenn die Wogen einer anfänglichen öffentlichen Entrüstung geglättet sind, wird man auch die Annäherung an die Bibel mit Mitteln der Aktfotografie akzeptieren. Denn wir können nicht nur im Gedankenspiel nach der Wahrheit suchen, wir müssen es mit Leib und Seele tun!

Michelangelo durfte die Sixtinische Kapelle mit nackten Menschen ausmalen. Adam prangt ebenso wie der vom Vater umarmte Gottessohn und die Engel unbekleidet vom Deckenfresko. Unter diesem Kunstwerk wählt das Kardinalskollegium im Konklave den Papst. Die katholische Kirche lehrt, dass dies unter dem Wirken des Heiligen Geistes geschieht. Aktkunst und Religion sind hier schon seit Jahrhunderten versöhnt.

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Michelangelo, Erschaffung des Adam

Zu unserer abendländischen Kultur gehört, dass Nacktheit akzeptiert, ja sogar positiv gesehen wird. Der freie Ausdruck des unbedeckten Körpers ist ein bewährtes künstlerisches Mittel, von dem auch Amateure Gebrauch machen dürfen. Für den Katzwanger Bibelkalenders wurden Szenen gestaltet, die eine eindringliche Sprache sprechen und dazu anregen, sich mit den dazugehörenden Inhalten der Bibel zu beschäftigen.

 

Schwamm drüber? Am 16. Dez. 2005 entschuldigte sich die Leitung der evangelischen Gemeinde Katzwang mit einer Pressenotiz bei Gläubigen, deren Gefühle verletzt worden seien, kündigte die Schließung der Webseite zum Bibelkalender an und stellte den Versand ein. Folglich wird es seitens der Kirche keine Diskussion und keine Antworten auf die aufgeworfenen Fragen geben.

Es soll deshalb die Aufgabe dieser Seite sein, zu jedem Thema des Bibelkalenders eine zeitgemäße Interpretation anzubieten.

 

Die Themen des Bibelkalenders
Januar Die Taufe Jesu -- Körperbejahung
Februar Die Hure Rahab -- Daseinsberechtigung
März Simson und Delila -- Vertrauen
April Lots Frau -- Fortschrittsverweigerung
Mai Lots Töchter -- Samenspende
Juni Die Steinigung -- Todesstrafe
Juli Opferung des Isaak -- loslassen können
August Tanz der Mirjam -- Erfolg macht sexy
September Bad der Bathseba -- Frauenrechte
Oktober Adam und Eva -- der Sünden-Glücksfall
November Tanz der Salome -- Weibliche Waffen
Dezember Weltgericht -- das Gute im Menschen

 

Wo sind die Bilder?

Die Pfarrgemeinde hat den Nachdruck und die Auslieferung der Kalender gestoppt. Aus Urheberrechtsgründen werden die Bilder auf dieser Seite nicht gezeigt.

Lorenz Kerscher, Penzberg, 19. Dez. 2005

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"klingt wie weiches Moos
zwischen den nackten Zehen"